Geschichte der Verhütung: Scheidenbarrieren und Schafsdarmkondomen - DER SPIEGEL

2022-05-29 02:23:03 By : Mr. Right Way

Frauendusche und Schafsdarmkondom: Die Geschichte der Verhütung

Lange hat sich auf dem Kondommarkt nichts getan. Wingman, der neueste Beate-Uhse-Clou, soll nun das Liebesleben beflügeln. "Ohne große Mühe kann das geflügelte Präservativ innerhalb von zwei Sekunden mit nur einer Hand - sogar im Dunkeln - übergestreift werden", heißt es in der Pressemitteilung des Unternehmens. Das neue Gummi, das vor einigen Jahren bereits patentiert wurde, ist mit einem flügelartigen Clip versehen. Ist der Wingman in Position, löst sich der Clip. Das neue Kondom sei dünner als seine Vorgänger; wegen des Flügelclips müsse das empfindliche Latex nicht einmal mehr berührt werden.

Davon konnten Paare vor einigen hundert Jahren nur träumen. Ihre Verhütungsmethoden hatten allenfalls die Trefferquote von Kaffeesatzleserei. Doch Paarungswillige ließen sich schon immer allerhand einfallen, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Auch an Ratschlägen mangelte es nicht: Soranus von Ephesus etwa schrieb 100 nach Christus, die Frau solle sich nach dem Akt hinhocken und kräftig niesen. Und im antiken Griechenland führten sich Frauen nach dem Liebesspiel Krokodilkot-Zäpfchen ein, um das Sperma zu vernichten. "So phantasievoll die Ideen auch waren, ihre Wirksamkeit darf angezweifelt werden", sagt der Gynäkologe Christian Fiala, Gründer des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien.

Im Durchschnitt 15-mal ist eine Frau früher im Laufe ihres Lebens schwanger geworden, etwa acht bis zehn Kinder brachte sie zur Welt. Davon stillte sie jedes zwei Jahre lang. "Die Frauen waren ihrer Fruchtbarkeit schutzlos ausgeliefert, das haben sie damals als Gebärzwang empfunden", sagt der Gynäkologe. Die Geschichte der Verhütung und des Abbruchs hat sehr dunkle Kapitel - oft gingen die Methoden schief. "Solange Abbrüche verboten waren, übernahm dann entweder eine Engelmacherin die Kindstötung", sagt Fiala. "Oder die Frauen versuchten in ihrer Not selbst, mit Stricknadeln die Fruchtblase aufzustechen, um den Fötus absterben zu lassen." Häufig kam es dabei zu Verletzungen und Infektionen, an denen nicht nur der Fötus, sondern auch die Frau qualvoll starb.

Vergebliche Versuche der Verhütung

Im Wiener Museum gibt es mehr als tausend Objekte, die die Geschichte der Verhütung nacherzählen. "Auch wenn die Methoden uns in der Rückschau bisweilen spaßig erscheinen: Sie zeugen alle vom verzweifelten Versuch der Menschen, sich mit den wenigen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten, zu helfen", sagt Fiala. Neben dem Coitus interruptus war die Verwendung von Scheidenmitteln oder Barrieren ein häufiger Versuch, Schwangerschaften abzuwenden. Häufig angewendet wurden Schwämmchen oder Stoffteile, die mit sauren Substanzen getränkt in die Scheide eingeführt wurden. "Es gibt keine Substanz und kein Material auf der Welt, das die Menschen nicht ausprobiert hätten", sagt Fiala.

Besonders weit verbreitet waren im frühen 20. Jahrhundert Scheidenspülungen. Das Bidet mit Unterspritzdusche beispielsweise diente nicht der Körperhygiene, sondern der Verhütung. Und zwar der Verhütung der wohlhabenderen Frauen. Die armen spülten von Hand. "Das war nicht gerade romantisch. Direkt nach dem Akt musste sich die Frau über eine Schüssel setzten und die Spülung vornehmen", sagt Fiala. An dieser Praxis hielten die Frauen lange fest: In den fünfziger Jahren spülten sie auch mit Coca Cola. Gebracht hat es - nichts.

Dabei hätte es bereits um 1800 herum Effektives gegeben: Schafdarmkondome. Die allerdings konnten sich anfangs nur wenige leisten. Die Ressource war begrenzt. "Es war nicht elastisch und musste mit einem Bändchen befestigt werden", sagt Fiala. Benutzt wurde es mehrfach, bis es auseinander fiel.

Die Zeit vor Ogino und Knaus

Bis in die dreißiger Jahre wussten Frauen fast nichts über ihre fruchtbaren Tage. Dann kamen die ersten Bestimmungsmethoden: Zum Beispiel ein spezieller Fruchtbarkeitstest, bei dem Muttermundschleim erst getrocknet, dann im Vergrößerungsspiegel interpretiert wurde. Sah das Muster aus wie Farnkraut, war Enthaltsamkeit angeraten. Erst mit der Bestimmung der fruchtbaren Tage durch Knaus und Ogino hörte das Orakeln auf. Etwa zur selben Zeit erfand der Gynäkologe Ernst Gräfenberg auch die erste Spirale. Nach ihm ist übrigens der sagenumwobene G-Punkt benannt.

Im Jahr 1951 wurde die Pille in den USA als Verhütungsmittel zum Patent angemeldet, auf den Markt kam sie 1960. Ein Jahr später gab es die Pille auch in Deutschland - zumindest unter dem Ladentisch. Da sie umstritten war und zu den Moralvorstellungen der Zeit nicht passte, wurde sie als "Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen" eingesetzt und zunächst nur verheirateten Frauen verschrieben.

"Es war das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass Frauen die Möglichkeit hatten, ihre Fruchtbarkeit den individuellen Wünschen und Möglichkeiten anzupassen", sagt Fiala. Das habe eine Revolution ausgelöst, für Fiala die zweitgrößte kulturelle Errungenschaft nach der Entdeckung des Feuers.

"Es war nun möglich, Fruchtbarkeit und Sexualität zu trennen. Ein Befreiungsschlag für die Frauen - und ihre Männer."

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Kondom mit Flügeln: Der Hersteller bewirbt das etwas seltsam anmutende Präservativ als "die erste echte Innovation auf dem Kondom-Markt seit einem Jahrhundert." An Erfindungen zur Verhütung von Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen hat es in der Geschichte der Menschen nicht gemangelt. So waren...

...Scheidenspülungen im 19. Jahrhundert sehr verbreitet. Allerdings waren sie nicht besonders wirksam, da einige Spermien blitzschnell den Muttermund erreichen. "Man kann sich vorstellen, dass die Anwendung nicht sehr lustbetont war", sagt Christian Fiala, Gründer des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien. "Die Frauen mussten unmittelbar nach dem Verkehr aufspringen und dann mit kalten, heißen oder ätzenden Mitteln die Scheide ausspülen." Dass Scheidenspülungen trotzdem weit verbreitet waren, zeigt die Menge an Exponaten, die Fiala gesammelt hat. "Im Museum haben wir um die 50 Stück."

Spülapparate wie dieser marmorierte waren beliebte Hochzeitsgeschenke. Jeder wusste, was für einen Zweck die verzierten Gefäße haben. Auch heute kann man sie noch auf Flohmärkten finden. Allerdings ist ihre Bestimmung kaum mehr bekannt. "Als ich auf dem Flohmarkt einen entdeckt habe, habe ich den Händler gefragt, was das ist. Überzeugt antwortete er, das sei zum Ölpressen", sagt Fiala. Die Apparate waren Zylinder, innen gibt es eine Pumpe mit einer Feder, die aufgezogen werden konnte wie eine Uhr - so wurde der Druck erzeugt. "Das war schon ein gewisser Fortschritt, es gab eine Mechanik."

Bidets dienten nicht der Körperhygiene, sondern waren ein Verhütungsmittel für gehobenere Frauen zur Schwangerschaftsverhütung. Bis Anfang der sechziger Jahre fanden Bidets reißenden Absatz. "Erst als die Pille auf den Markt kam, wollte sie niemand mehr", sagt Fiala. Am "Highend" gab es Fiala zufolge das Bidet, am "Lowend" die Frauendusche. Bei Ebay lässt sich folgende Geschichte über die Aufgabe eines Bidets nachlesen: "Ich erinnere mich an eine Amerikanerin, die vor gar nicht so langer Zeit im Bad eines französischen Hotels das Bidet entdeckte und das Zimmermädchen fragte: 'Oh, how lovely. Is it to wash the babies in?' Worauf die junge Französin lächelnd erwiderte: 'No madame, it is to wash the babies out.'"

Der Schwamm ist eine der ältesten Verhütungsmethoden. Vor allem in der Antike sollte er die Frauen vor einer Schwangerschaft schützen. Er wurde mit Harzen, Honig, Salzlake oder ähnlichem getränkt und dann in die Scheide eingeführt. Der Schwamm sollte als Barriere dienen und die Spermien nicht in die Gebärmutter lassen.

Das Kondom war schon immer ein Naturprodukt. Bevor Charles Goodyear die Vulkanisierung entwickelt hatte, mit deren Hilfe man Kautschuk widerstandsfähig machen kann, mussten sich die Menschen mit dem behelfen, was es in ihrer Umgebung gab. "Es war naheliegend, Schafsdarm zu benutzen, die Menschen haben eng mit den Tieren gelebt und alles Tierische genutzt", sagt Fiala. Der Blinddarm des Schafes sei, wenn das Schaf drei Monate alt ist, in etwa so groß wie ein erigierter Penis. Zudem haben Schafe keinen Wurmfortsatz am Blinddarm. "Wäre ja auch unpraktisch, wenn man das nutzen wollte." Die Kondome waren teuer und rar. 1855 stellte Goodyear aus dem Pflanzensaft Kautschuk das erste, ein bis zwei Millimeter dicke Gummikondom mit Längsnaht her. Julius Fromm gelang es dann 1912, hauchdünne Kondome mit Reservoir ohne Nähte zu produzieren. Sieben Jahre später waren es täglich bereits 150.000 Stück.

Der Wiener Adolf Schmid entwickelte 1931 ein Präzisionsinstrument, mit dem Frauen ihre fruchtbaren und unfruchtbaren Tage bestimmen konnten. Die Methode basiert auf jener von Knaus und Ogino, bei der Frauen ihren Menstruationszyklus genau protokollieren müssen. Das Gerät wurde ein Kassenschlager und machte seinen Hersteller zum Millionär. Mit Einführung der Pille ging das Unternehmen pleite.

Der Fruchtbarkeitstester hat die Form eines Lippenstifts, innen befindet sich eine kleine Lupe, die abgeschraubt wird. Die Frau trägt Muttermundschleim auf und lässt ihn antrocknen. Dann schraubt sie die Lupe wieder ein. Durch eine kleine Lichtquelle lassen sich Muster im Schleim erkennen. Sieht es aus wie Farnkraut, sollte die Frau auf Geschlechtsverkehr verzichten.

In den siebziger Jahren geisterte das Schlagwort "Gossypol" durch die Weltpresse. Gossypol, das aus der Baumwollpflanze gewonnen wird, greift die Enzyme der Samenfäden an und macht die Spermien dadurch bewegungsunfähig. Entdeckt wurde das Wundermittel von einem chinesischen Arzt. Dieser kam auf die Idee, dass die auffällige Unfruchtbarkeit vieler Dorfbewohner mit ihrer Ernährung durch Baumwollsaatöl zusammenhängen könnte. Die Beobachtungen bestätigten sich, und die Regierung Chinas startete einen Massenversuch mit über 8000 Menschen. Die Erfolge waren enorm, denn nahezu alle Versuchspersonen wurden unfruchtbar. Allerdings kam es zu schweren Nebenwirkungen, und die Hälfte der Versuchspersonen blieb unfruchtbar, nachdem die Behandlung mit Gossypol längst abgesetzt war. Es setzte sich nicht durch.

Ernst Gräfenberg war Anfang des 20. Jahrhunderts Gynäkologe in Deutschland. "Vielen ist der Name ein Begriff, weil er den G-Punkt der Frau, ihre erogene Zone in der Scheide, entdeckt hat", sagt Fiala. Gräfenberg hat auch die erste Spirale entwickelt, die heute noch in China angewendet wird.

Enovid war die erste Verhütungspille weltweit. Sie kam 1960 in den USA auf den Markt und leitete eine Revolution in der Verhütung ein. 1961 folgten Anovlar in West-Deutschland und Ovosiston in Ost-Deutschland. Mit der "Pille" konnten Frauen erstmalig ihre Fruchtbarkeit selbständig und wirksam kontrollieren. Damit ging ein jahrtausendealter Menscheitstraum in Erfüllung: die Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit. Die Einführung der "Pille" war nicht nur ein unglaublicher medizinischer Fortschritt, sondern leitete auch große gesellschaftliche Umwälzungen ein - etwa die sexuelle Revolution 1968.

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