Historie von Stammheim: 20. April 1945: Fliegerangriff jährt sich - Calw - Schwarzwälder Bote

2022-05-05 09:00:34 By : Mr. Leo Wu

Am 19. und 20. April 1945, vor 77 Jahren, brannte halb Stammheim ab, nachdem der Ort von Granaten und Bomben beschossen wurde. Zeitzeuginnen berichten davon.

Calw-Stammheim - Fünf Einwohner von Stammheim starben bei dem Luftangriff und durch Artilleriebeschuss am 19. und 20. April 1945. Vier wurden schwer verwundet. Für viele Bürger war ihr Leben alles, was sie aus den Flammen retten konnten. 470 Menschen wurden obdachlos, als 41 Prozent aller Häuser im Ort, 96 an der Zahl, abbrannten. Auch 120 Nutztiere ließen ihr Leben. Horst Roller, Stammheims Ortschronist, ehemaliger Vorsitzender und heute Beisitzer im Kreisgeschichtsverein (KGV), hat all das dokumentiert. Mehrere Berichte von Zeitzeuginnen sind hier zu lesen:

Frieda Rathfelder und ihre Schwester Margarete Mohrlok: "1943 wurde in Stammheim bekanntgegeben, dass zwei Stammheimer Soldaten, Piloten der Luftwaffe, mit ihrem Flugzeug über dem Ort aufkreuzen werden. Die Piloten flogen ganz niedrig ein paar Schleifen und wir Kinder freuten uns und winkten ihnen von der Straße aus zu. Später aber beherrschten die feindlichen Jabos (Jagdbomber) den deutschen Luftraum ohne jede Behinderung durch unsere Luftsicherung.

1944 steckten wir Kartoffeln an der Markungsgrenze von Gechingen. Eine Frau aus diesem Ort arbeitete in der Nähe. Als die Jabos kamen lief sie in eine Deckung, ließ aber ihren Schurz liegen. Den schossen die Jabos zu Fetzen.

Im Viehtrieb am Galgenberg arbeiteten wir im Frühjahr 1944 mit unserem Polen und einer Helferin. Plötzlich kamen Jabos. Wir sahen die Köpfe der Piloten, mit Lederkappen bekleidet, ganz genau, so niedrig kamen sie geflogen, man hätte sie mit dem "Birenhaken" (Birnenhaken) runterziehen können. Die Frau drückte mich an einen Baum und betete. Bei einem andern Jaboangriff lag meine Mutter unter einer Heinze (Dreibock für Kleeheu) und ich rutschte in einen Straßengraben. Nachher lagen auf unserem Grundstück eine Menge Patronenhülsen.

Als dann die Franzosen am 15. April 1945 Calw besetzt hatten, wollten unsere Großmutter und unser Vater an unserem Haus am Giebel ein Leintuch raushängen und sagten das dem Ortsgruppenleiter. Der warnte beide, sie würden dann erschossen. Das stand auch auf den Aushängen an allen Anschlagtafeln im Ort. Die Einwohner lasen dort: ›Wer sich ergibt, wird erschossen‹, und gingen kopfschüttelnd weg.

Weil die Pumpstation ausgefallen war, holten die Leute dauernd Wasser am Brunnen in der Gechinger Straße. Auch Soldaten kamen zum Wasserholen vom Galgenberg herunter. Ihnen gab unsere Mutter jeden Morgen und Abend eine Kanne mit zehn Litern Milch und außerdem Brotlaibe und zwei von den großen Wurstbüchsen mit.

Am Abend des 19. April erklärten uns diese blutjungen Soldaten, dass sie oben auf dem Galgenberg die Stellung halten müssten, sie müssten Stammheim verteidigen. Unsere Mutter sagte: ›O ihr Büabla geht heim. Passt nur auf. Aber morgen, da passiert was, am Hitler seinem Geburtstag, da sieht der Himmel schwarz voller Flieger. Auf morgen ist es mir ganz arg Angst, da passiert was.‹

An diesem Abend schlug eine Granate beim Brunnen auf und verletzte den Nachbarn. Dann schlug eine Granate in unser Haus, durch Wände und die Decke in den Stall und durch den Hals unseres Pferdes. Unsere Mutter, unser kleiner Bruder und eine Frau vom Forstweg wurden durch Splitter getötet und unser Vater schwer verletzt. Ich trug krankheitshalber eine dicke Kappe auf dem Kopf. Sie fing kleine Granatsplitter im Nackenbereich auf, die womöglich auch mich tödlich verletzt hätten. Am nächsten Tag, dem 20. April 1945, geschah der Fliegerangriff, den unsere Mutter vorausgeahnt hatte und der unser Haus zerstörte.

Am 21. April wohnten wir dann bei unserer Tante in der Oberen Mühle. Da sahen wir eine Menge Marokkaner daherschleichen von Richtung Ölmühle und dem Gesattelten Weg. Die Gewehre hielten sie im Anschlag und Dolche im Mund. Wir wurden daher auf der Bühne hinter viel Gerümpel versteckt.

In den nächsten Tagen wurden die fünf Toten beerdigt, darunter unsere liebe Mutter und das Brüderchen. Wir Kinder, elf und 13 Jahre alt, durften nicht dabei sein, der Wachposten beim Freibad ließ uns nicht ins Dorf. Später ging eine Rotkreu-Schwester mit uns durchs Schleiftäle nach Calw und über die Sausteige hinauf ins Krankenhaus. Im Flur im Untergeschoss wurden wir untergebracht und haben dann in der Küche mitgeholfen.

Ums Jahr 1975 besuchte uns ein Mann aus der Hamburger Gegend und fragte nach unserer Mutter. Er sei mit 19 Jahren als Soldat in Stammheim gewesen und unsere Mutter habe ihn und seine Kameraden damals so gut versorgt."

Die Schwestern Lydia Kober, Rosel Furthmüller und Maria Schäfer berichteten über das Kriegsende. Lydia, damals 20 Jahre alt:

"In der letzten Woche vor dem Brand konnten die Bauern keine Milch mehr in der Molkerei abliefern. Denn sie konnte nicht mehr nach Calw befördert werden, da die Stadt von den Franzosen besetzt war. Als ich am 19. April gerade im Stall beim Melken war, fiel mir vor Schreck der Melkkübel aus der Hand, als in der Nähe eine Granate einschlug.

Beim Luftangriff am 20. April waren wir zum Glück im Haus und nicht im Keller. Dort wäre uns der Fluchtweg versperrt gewesen. Als wir in den Hof kamen, brannte der Platz schon lichterloh durch die Phosphorbomben. Im Stall machten Verwandte und ich das Vieh los. Ich jagte es die Hermannstraße hinauf und den Forstweg hinaus in die Burgwiesen. Als ich zurücklief war der Feuersturm fast nicht zum Aushalten und unser Anwesen war bereits runtergebrannt, die Schweine und Hühner kamen um."

Maria, damals 13 Jahre alt, berichtete: "Beim Luftangriff wurde unser Vater durch Splitter einer Bombe schwer verletzt. Meine Mutter fuhr ihn auf dem Schinderkarren mit Strohauflage zum Gasthaus Rössle, wo im ehemaligen Eiskeller noch weitere Verletzte lagen. Die Rösslewirtin holte immer wieder eines von ihren Leintüchern und zerriss es zu breiten Streifen, damit der blutdurchtränkte Verband bei meinem Vater gewechselt werden konnte. Zahnarzt und Sanitäter Eichhorn mahnte immer wieder, mein Vater müsse ins Krankenhaus, sonst verblute er. Und der Rösslewirt erklärte: ›Hier können die Verletzten nicht bleiben, das Feuer kommt bald das Dorf herunter, die Leute räumen schon ihre Häuser aus.‹ Man transportierte die drei Verwundeten auf Bahren weiter zu der hilfsbereiten Frau Dirr in der Jahnstraße (heute der Kindergarten). Als mein Vater hörte, man wolle die Verwundeten mit dem Pferdefuhrwerk durchs holprige Schleiftäle ins Krankenhaus fahren, sagte er: ›Dann lasst mich hier sterben.‹ Nun wählte der polnische Kriegsgefangene die Strecke über die Hauptstraße und die Stuttgarter Straße. Auf dem Wagen lag auch Karl Gommel und ein junger deutscher Soldat, dem wurde im Krankenhaus das Bein amputiert.

Auf der Kommandantur im besetzten Stammheim wollte meine Mutter einen Passierschein beantragen, um unseren Vater besuchen zu können, wurde aber abgewiesen. Ein jüdischer Soldat sorgte schließlich dafür, dass meine Mutter doch noch einen Passierschein erhielt. So konnten wir nach fünf Tagen unseren Vater besuchen. Chefarzt Rückert sagte, er habe wenig Hoffnung für unseren Vater. Aber er überstand die Verletzungen."

Rosel, damals 18 Jahre alt, erinnert sich: "Zum Zeitpunkt des Luftangriffs hielt ich mich gerade im Molkereigebäude auf. Das hat auch sofort lichterloh gebrannt. Aus der Bühnentür schlug das Feuer heraus. Als ich voller Angst hinausrannte, brannte auf der Straße der Phosphor und Vieh und Schweine liefen durcheinander. Ein Rind des Nachbarn Kober stürmte in Panik die Treppe an der Rampe der Molkerei herauf und ins Gebäude rein.

Als ich in diesem Qualm heimlief, stürzte gerade neben mir ein brennender Balken herunter. Daheim hatten wir im Hof in einem Versteck einige Schachteln mit Aussteuer. Die zog ich heraus und Otto Huss vom Kinderheim, der herbeieilte, schaffte sie weg in den Brühl – solange bis er rief: ›Mädle, wenn jetzt nicht rauskommst, dann verbrennst.‹

Abends sammelten wir in unserer Feldscheuer unser Vieh. Alle Tiere husteten, weil sie die giftigen Phosphorschwaden eingeatmet hatten."

Der geplante Gedenkgottesdienst zum 75. Jahrestag, am 20. April 2020, musste wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Am Sonntag, 24. April, wird zum Schluss des Gottesdienstes darüber berichtet, wie durch den Einsatz von Gottlieb Gugeler die Kirche und das Unterdorf vor der Feuerwalze gerettet werden konnte.