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2022-05-14 22:17:07 By : Mr. Kelvin Lee

Der Selbstversorgungsgrad bei Weizen liegt laut Bauernverband in Bayern bei 117 Prozent. Das heißt, die Landwirte produzieren 17 Prozent mehr Weizen als im Freistaat verbraucht wird.

Trotz des Krieges in der Ukraine können Landwirte alle Produkte anbieten, sagt der Präsident des bayerischen Bauernverbands, Walter Heidl. Bei den Verbrauchern wirken sich die Preissteigerungen mäßig aus - zumindest bisher.

Von Christian Sebald, München

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gibt es immer wieder Nachrichten, dass in hiesigen Supermärkten Weizenmehl und Sonnenblumenöl ausverkauft sind. Der Grund ist, dass beide Staaten weltweit zu den Hauptexporteuren für diese und andere landwirtschaftliche Produkte zählen. Für alle Verbraucher, die nun Engpässe in der Lebensmittelversorgung befürchten, gibt der Präsident des bayerischen Bauernverbands (BBV), Walter Heidl, Entwarnung. "So sehr wir hoffen, dass das Schießen in der Ukraine aufhört, die Nahrungsmittelproduktion bei uns hier ist gesichert", sagt der Bauernpräsident. "Wir Landwirte können weiter alle Produkte anbieten." Zugleich bedauert Heidl, dass der Bund und die Mehrheit der Länder nicht gewillt sind, landwirtschaftliche Ökoflächen für den Getreideanbau freizugeben. "Wir haben hier beste Anbaubedingungen", sagt Heidl. "Wir sollten dieses Potenzial nutzen."

Ungefähr ein Viertel der weltweiten Weizenexporte kommen laut BBV aus Russland und der Ukraine. Nur ein geringer Teil davon geht in die EU, vor allem in die Niederlande und nach Spanien. Hauptimporteure des russischen und ukrainischen Weizens sind Ägypten, Indonesien, die Türkei und China, aber auch viele Staaten in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten. Bayern ist in einer privilegierten Lage. Der Selbstversorgungsgrad bei Weizen liegt hier bei 117 Prozent. Das heißt, die Bauern im Freistaat produzieren 17 Prozent mehr Weizen als hier verbraucht wird. Bei Wintergerste sind es 115 Prozent, bei Körnermais 110 Prozent. Anders sieht es bei Raps, Sonnenblumenöl und Mais aus. Hier stammen große Anteile der Importe in die EU aus der Ukraine. Bei Sonnenblumenöl sind es laut BBV sogar 86 Prozent. Bei Mais waren es zuletzt 54 Prozent und bei Raps knapp 46 Prozent.

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Ein Großteil des heimischen Getreides geht freilich nicht in die Lebensmittelproduktion. Sondern wird als Futter für Rinder, Schweine und Geflügel verwendet. Beim Körnermais sind es laut BBV sogar 96 Prozent, beim Weizen mit 47 Prozent immerhin knapp die Hälfte. Gleichwohl ist das Argument, die Bauern sollten weniger Futter und dafür mehr Lebensmittel anbauen, aus Heidls Sicht irreführend. "Pro Kilo pflanzliche Lebensmittel fallen etwa vier Kilo nicht essbare pflanzliche Produkte an", sagt er. "Sie werden erst für den Menschen verfügbar, wenn man sie als Futter für Nutztiere verwendet." Als Beispiel führt Heidl das Grünland an, das für sich genommen nicht direkt für den Menschen verwertbar ist, als Weide aber Basis der Rinderhaltung ist. Rund ein Drittel der Agrarfläche in Bayern ist Grünland.

Wie alle anderen Wirtschaftszweige laborieren auch die Bauern an den Kriegsfolgen - vor allem an den immens gestiegenen Preisen für Energie. Aber auch Düngemittel haben sich enorm verteuert, schließlich war Russland bis Kriegsbeginn Hauptlieferant in die EU. Auf der anderen Seite sind die Preise zum Beispiel für Weizen und Raps förmlich explodiert. So bekamen die bayerischen Bauern bei Kriegsbeginn 282 Euro je Tonne A-Weizen, aktuell sind es 370 Euro. Und bei Raps beträgt der Sprung sogar 160 Euro je Tonne. Die meisten Bauern dürften aber laut BBV ihre Vorräte bereits lange vor Kriegsbeginn verkauft haben, da auch schon in dieser Zeit die Preise deutlich angezogen hatten.

Bei den Verbrauchern wiederum wirken sich die Preissteigerungen für landwirtschaftliche Produkte eher mäßig aus - zumindest bisher. Ein durchschnittlicher Haushalt gibt laut BBV 387 Euro im Monat für Lebensmittel aus. Bei einer Inflationsrate von aktuell 7,3 Prozent bedeutet das Mehrausgaben von gut 28 Euro im Monat.

Gleichwohl versteht Heidl nicht, warum sich der Bund und die Mehrheit der Länder weigern, landwirtschaftliche Ökoflächen für den Getreideanbau freizugeben. Die EU hatte ihren Mitgliedsstaaten diese Option eingeräumt, um einer etwaigen weltweiten Getreidenot entgegenzuwirken. "Wir haben die Verantwortung, alles Machbare zu tun, um die Versorgungssicherheit vor allem auch in ärmeren Schwellen- und Entwicklungsländern sicherzustellen", sagt Heidl. "Die Politik verwehrt unseren Bauern einen Unterstützungsbeitrag im Sinne von ärmeren Entwicklungsländern."

Der Bund, allen voran Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne), aber auch die Mehrheit der Bundesländer und die Umweltverbände haben diese Option verworfen. "Die Ökoflächen sind dringend notwendig für die Artenvielfalt in den Agrarlandschaften", sagt die Grünen-Landtagsabgeordnete und Biobäuerin Gisela Sengl. Außerdem machen sie in Bayern nur 20 000 Hektar aus. Das ist ein Prozent der Ackerfläche insgesamt. "Ihre Bebauung wäre reine Symbolpolitik", sagt Sengl. "Von den Erntemengen hätte ihre intensive Nutzung so gut wie keine Auswirkung." Experten zufolge könnten damit in Deutschland maximal bis zu drei Prozent Ernteausfälle kompensiert werden.

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